Die UN-Klimakonferenz in Kattowitz (COP24): Wenn Welten aufeinanderprallen

Vom 2. bis zum 15.12.2018 fand die 24. Weltklimakonferenz (COP24) in Katowice/Polen statt. Ziel der wichtigsten Konferenz seit Paris 2015 war die Verabschiedung eines Regelbuchs zur Umsetzung des Pariser Abkommens. In der ersten Woche war ich als Teil der Klimadelegation, akkreditiert durch die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, vor Ort und reflektiere hier über meine Eindrücke:

Mit Maschinengewehr und Schlagstock, mit Helm und Schutzausrüstung bewaffnet, bildeten mehrere Hundertschaften von Polizist*innen eine einschüchternde Kulisse entlang der Straßen von Katowice. 

Wüsste ich nicht, dass in wenigen Minuten Tausende von Klimaaktivist*innen ihren bunten und lauten Protest in diese Straßen tragen würden, könnte ich denken, die Einsatzkräfte bereiteten sich auf gewaltbereite Hooligans oder eine sonstige Katastrophe vor. Ich fragte mich, wozu das ganze kampfbereite Aufgebot? Wen oder was wollen sie schützen? Die Scheinrealität der Verhandler*innen auf der Konferenz, dass wir noch ganz viel Zeit hätten, um die Klimakrise aufzuhalten? Vor was müssen sie geschützt werden? Vor den Botschaften der Zivilgesellschaft, dass in der realen Welt alles viel zu langsam voranschreitet? Und warum muss man sich kriminell fühlen, wenn man mehr Klimaschutz fordert? Dieses Bild, das sich mir nach Antreten der Heimreise aus den Fernbus-Fenstern bot, war die letzte Zugabe zu meinen ohnehin sehr gemischten Eindrücken und Gefühlen der letzten Woche auf der COP24. Sie schwankten zwischen Positivem und Negativem, zwischen Niederlage und Hoffnung, zwischen Kapitulation und „Jetzt erst recht!“. Meine Überzeugung, dass die Weltklimakonferenz zwar nicht das beste, aber zumindest das bestmögliche Format ist, bekam Risse.

Ein globales Problem verlangt eine globale und gemeinsame Lösung. Dies ist die Rechtfertigung für diese doch sehr außergewöhnliche Veranstaltung, in der über 22.000 Menschen aus fast allen Staaten der Welt aufeinandertreffen, in der Politiker*innen und Diplomat*innen aus knapp 200 Staaten, sich um einzelne Worte und Formulierungen in sehr verklausulierten Texten streiten und in der sich die Wege von den unterschiedlichsten Vertreter*innen aus Wirtschaft, Forschung, Umweltorganisationen, ethnischen Minderheiten und Jugend und noch vielen mehr kreuzen. Die diversesten Interessen, Mentalitäten, Geschichten, Kontexte und Erfahrungen treffen hier zusammen. Es prallen also Welten aufeinander, wodurch es unweigerlich zu Differenzen kommt. Die Idee der COP ist es eben, diese Differenzen, diese Gräben zu überbrücken. Allerdings bestehen erhebliche Zweifel meinerseits, ob diese Gräben mittlerweile nicht zu tief und zu weit und zu festgefahren sind, als dass diese noch überbrückbar wären.

(Scheinbar) Unüberbrückbare Gräben

Es sind teilweise Gräben, die schon immer existierten, aber im Lichte der neuesten Erkenntnisse und angesichts der Tatsache, dass es bereits die 24. Verhandlungsrunde ist, unaushaltbar werden.

Im Oktober dieses Jahres erschien der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel. Dieser hat eine klare Botschaft: Wir haben nur noch 12 Jahre Zeit, um die Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen! Zwar heißt es im Pariser Abkommen, dass die Begrenzung auf “deutlich unter 2 Grad” ausfallen, jedoch “Anstrengungen in Richtung 1,5 Grad” unternommen werden sollten. Denn jedes Grad weniger rettet Leben. Von dieser Dringlichkeit war allerdings auf der Konferenz kaum etwas zu spüren. Sie wird sogar einfach ignoriert. Bezeichnend hierfür ist die Verweigerung der größten Mineralöl-Produzenten der Welt, darunter die USA und die arabischen Emirate, den von der Staatengemeinschaft selbst bestellte Bericht zu “begrüßen”, sondern bloß “anzuerkennen”, was einer Ablehnung gleichkommt. 12 Jahre Zeit für die Umstellung der Energieerzeugung weltweit wäre ein großer wirtschaftlicher Profitverlust für diese Länder, Nichtstun ein allerdings noch größerer laut Wissenschaft. Hier wird nicht nur der Graben zwischen politischem Handeln und Kenntnisstand der Wissenschaft eindeutig, sondern auch allgemein der Widerspruch zwischen der Trägheit der Verhandlungen und der eigentlichen Dringlichkeit des Handelns. Die langsamen Mühlen der Klimadiplomatie mahlen weiter, wie sie es seit 24 Jahren tun. Die immergleichen Konflikte werden weiterhin von den immergleichen Akteuren ausgetragen.

Auch der Graben zwischen Industrie-,Schwellen- und Entwicklungsländern, Globaler Norden und Globaler Süden, weitet sich aus. Besonders offensichtlich wurde die unterschiedliche Wahrnehmung der Klimakrise in dieser Verhandlungsrunde. Auf den Punkt brachten dies die polnischen Provokationen. Prominent wurde Steinkohle in dem Pavillon von Katowice zwischen den anderen Länderpavillons ausgestellt. Für die kleinen Inselstaaten, die bereits jetzt und im besonderen Maße von den Folgen der Klimakrise betroffen sind, muss sich diese Zurschaustellung eines der klimaschädlichsten Energieträgers als Verhöhnung anfühlen. Während Länder wie Polen, Deutschland und andere Industrieländer, stark abhängig von Kohle und Co., um jedes weitere Lebensjahr für ihre dreckige Energie kämpfen, ringen Fiji, Barbados und andere Inselstaaten um jedes Grad, um jeden Zentimeter Meeresanstieg, um jeden Zentimeter Heimat. Nicht ohne Grund sprechen diese Länder von “Verluste & Schäden” durch den Klimawandel, die sie als nicht ausreichend berücksichtigt sehen. Ein Thema, das reichere Länder versuchen, so gut es geht, zu ignorieren. Wahrscheinlich würde man dort wie auch hier in Deutschland anders über das Thema sprechen, sollte man in Zukunft stärker die Folgen der Klimakrise zu spüren bekommen.

Es ist dieser Mangel an Empathie, der nationalstaatliche Egoismus, das kurzfristige und wirtschaftliche Denken und das Ignorieren von wissenschaftlichen Fakten, der diese Gräben für mich persönlich unüberbrückbar erscheinen lässt.

Die andere Seite

Es gibt allerdings noch eine andere Seite. Wenn ich akzeptiere, dass diese Gräben existieren und dass sie wahrscheinlich nicht gänzlich geschlossen werden können, dann sehe ich trotz allem die Notwendigkeit der Klimaverhandlungen. Deren Beschlüsse sind die rechtlichen Grundlagen für jegliche klimapolitische Gesetzgebung und Initiative weltweit. Grundlagen für die europäischen Klimaziele und -gesetzgebung und damit auch für die deutsche Klimapolitik. Der Beschluss zum Kohleausstieg, zur Verkehrswende und das Klimaschutzgesetz, die alle 2019 bevorstehen, sind ein Resultat des ganzen Prozesses.  Erst dieser schuf weltweit Anreize, sei es nur durch “blaming and shaming”, dass überhaupt Anstrengungen unternommen werden, die Erderwärmung zu begrenzen.

Nicht zu unterschätzen ist zudem der Charakter der COP als eine Plattform des Austauschs und der Kooperation. Wenn Welten aufeinanderprallen, entstehen nicht nur Differenzen, sondern auch Möglichkeiten. Viele Projekte und Initiativen finden ihren Ursprung auf den Konferenzen. Akteure aus aller Welt, die in ihren Ländern an der vordersten Front gegen den Klimawandel kämpfen, können sich vernetzen, Ideen und Strategien austauschen, sich inspirieren lassen und für ihre Arbeit werben. Generell ist die COP die einmalige Gelegenheit im Jahr, bei der jene Stimmen gehört werden, jene Gesichter gesehen werden können, die dem Weltpublikum sonst verborgen bleiben. Es sind die Stimmen und Gesichter derer, die am stärksten unter der Klimakrise leiden oder leiden werden und sich mit aller Macht gegen die Klimakrise stellen: die kleinen Inselstaaten, die ärmsten Länder, ethnische Minderheiten, Frauen und Jugendliche. Nur dann erhalten sie traurigerweise die mediale Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Nur deshalb gingen auch die Bilder des eingangs beschriebenen People´s Climate March durch die Welt, auf denen sich die bunten und lauten Protestierenden dem schwarzen Polizist*innen-Meer entgegenstellten. Bilder, die in meinem schwankenden Gemütszustand das “Jetzt erst recht!” überwiegen lassen.

Wir müssen weitermachen!

Denn es hilft ja nichts anderes, als weiterzumachen. Auch auf der Konferenz. Aber auf allen anderen Ebenen auch. In unseren Ländern. In unseren Städten. Im Hambacher Wald. Auf den Straßen. Egal wo. Am Ende der COP24 stand zwar ein wenig ambitioniertes Regelbuch für das Pariser Abkommen, aber zumindest wurde die leere Hülle Paris nun gefüllt. Jetzt müssen sich die Staaten daran messen lassen. Und unsere Aufgabe als Zivilgesellschaft ist es, ein Auge darauf zu haben. Der Hambacher Forst, die Straßen von Katowice und die Klimastreiks jeden Freitag deuten das an, was die 15-jährige Greta Thunberg auf ihrer Rede auf der COP rief: “Wir (die Zivilgesellschaft) lassen die Politiker*innen nicht mehr so leicht davonkommen!”

Foto: People’s Climate March während der COP24 in Katowice. Foto: © Sara Mucaj

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