Wieso Kreisläufe besser als Linien sind – Unser Weg zur Circular Economy

DER STATUS QUO IM SYSTEM DER LINIEN:

Ich komme gerade von einem weiteren Bummelnachmittag von der Stadt nach Hause – jetzt nach Weihnachten ist natürlich alles ordentlich reduziert und jeder will für sein Weihnachtsgeld gleich etwas Schönes kaufen. Alle Menschen um mich herum sind mit riesigen Tüten auf dem Weg von einem Geschäft ins nächste. Natürlich gibt es auch schon wieder die neuen Frühjahrskollektionen in den Schaufenstern zu sehen. Aber was passiert eigentlich mit den unverkauften Sachen der letzten Saison? Werden alle gekauften Klamotten dann auch wirklich getragen? 

Letztendlich ist jeder unserer Käufe in ein System eingebunden – ein lineares System. Artikel werden produziert, von uns gekauft, dann benutzen wir sie eine gewisse Zeit und wahrscheinlich landet vieles später im Müll. Alltäglich werden in Deutschland im Moment etwa 40% unserer Konsumgüter recycelt, der Rest befindet sich auf toxischen Verbrennungsanlagen. Ich persönlich habe manchmal das Gefühl bei dem ganzen Konsum in meinem Leben gar nicht mehr über die Auswirkungen nachzudenken. Probleme, wie die Ressourcenknappheit oder Vermüllung, erscheinen für mich nicht richtig greifbar – obwohl ich weiß, dass wir aktiv dagegen vorgehen müssen. Die gute Neuigkeit: Rund 14 Prozent der Rohstoffe werden in Deutschland schon aus Abfall gewonnen – mit dem Trend der Circular Economy könnte diese Zahl bald in die Höhe springen.

WILLKOMMEN IN DER ZUKUNFT:

Was wäre, wenn wir gar nicht auf unseren Konsum verzichten müssten und trotzdem nachhaltiger einkaufen könnten? Wenn die Güter von heute unsere Ressourcen von morgen werden? Unsere Ökonomie wäre anders, wenn wir die 3R-Strategie der „Circular Economy“ befolgen würden: Reduce, Reuse, Recycling! Weniger Müll wegwerfen, mehr recyceln und neue Produkte kreieren.

Viele Experten wie beispielsweise Michael Braungart, William McDonough oder Rolf Steinhilper sprechen sich zurzeit für die sogenannte „Circular Economy“ aus. Das bedeutet der Wert von Produkten, Materialien und Ressourcen würde solange wie möglich in unserer zirkulären Wirtschaft erhalten bleiben, während der Müll minimiert wird. Circular ist also die Alternative zu linear oder auch „Kaufen, benutzen, wegwerfen“ – genau das, was wir heutzutage oftmals tun. Viele Artikel sind günstiger und einfacher neu zu kaufen, anstatt sie reparieren zu lassen – obwohl Rohstoffe seltener, teurer und begehrter werden. Ziel der Bewegung ist es eine positive ökologische und soziale Wirkung zu erschaffen und dem Müll den Kampf anzusagen. Speziell steht dabei der Gedanke der Langlebigkeit im Fokus, denn in der Natur gibt es keinen Müll. Reste werden zu Material im nächsten Produktionszyklus und irgendwann wäre die Knappheit von Ressourcen für uns weniger lebensbedrohlich.

Die Änderung vom linearen zum Kreislaufsystem bringt auch ein neues Konzept von „Besitz“ mit sich. Statt Produkte von Unternehmen zu kaufen, werden sie an uns vermietet. Zahlen würden wir dann für die Dienstleistung – den Service des Produkts. Sobald wir einen Artikel nicht mehr brauchen oder er kaputt ist, geht er zurück zum Hersteller. Produkte sind im besten Fall modular, so dass sie schnell auseinandergenommen werden können. Der Hersteller repariert oder recycelt die Artikel und alle Teile werden im Kreislauf wieder in neue Produkte eingebaut. Ein Vorteil für uns: Hersteller können teurere und hochwertige Materialien verwenden, da sie diese sicher in Zukunft zurückbekommen. Vielleicht würden unsere Smartphones und andere Elektroprodukte dann endlich länger halten – so dass wir nicht jedes zweite Jahr wieder Artikel kaufen müssen, weil es billiger ist als die alten Produkte reparieren zu lassen.

Auch kollaborativer Konsum wie Teilen, Handeln und Tauschen steht beim Gespräch um die Circular Economy oft im Fokus – Ansätze hiervon sind bereits durch die Sharing Economy bekannt geworden. Jetzt schon oft in Firmenkomplexen verwendet, werden geleaste Glühbirnen, die dann vom Hersteller kostenlos ausgetauscht oder repariert werden – man zahlt für den Service des Lichts. Vielleicht sind viele von euch schon längst Teil der Circular Economy geworden, ohne es zu bemerken. Benutzt ihr Mitfahrgelegenheiten oder mietet eine private Ferienwohnung über AirBnB? Diese Services ermöglichen einen Nutzungsintensivierung von Ressourcen – anstatt eigener Produkte zu kaufen, zahlt man für den Service.

An meinem Klamotten-Einkauf würde sich folgendes ändern: Zunächst würde ich in einem Second-hand Laden vorbeischauen, da ich als Studentin Geld sparen kann und meistens sogar besondere Einzelstücke finde. Sollte ich dort nichts finden, können es also doch die Läden aus der Stadt sein. In einer Circular Economy hätten jedoch auch Unternehmen langlebige Materialien und besonders haltbare Fäden bei der Produktion verwendet. Wenn ich mir nun ein neues Kleidungsstück dort kaufe und es mehrere Jahre trage, dann gebe ich es zurück zum Hersteller. Der Transport vom Laden zur Fabrik wird im besten Fall bald durch erneuerbare Energien ermöglicht. In der Fabrik kann das komplette Material dann recycelt und zu neuer Kleidung verarbeitet werden, die wir im Laden erneut kaufen können. Was dabei wichtig ist: Wir können weiterhin mit gutem Gewissen konsumieren – und das ganz ohne Verzicht.

ZEIT FÜR VERÄNDERUNG?

Es hört sich zunächst so an, als müssten vor allem Unternehmen zirkuläre Praktiken in die Realität umsetzen. Das Konzept für die Umsetzung einer zirkulären Wirtschaft heißt „Cradle to Cradle“ (C2C) – also auf Deutsch „von der Wiege zur Wiege“. Es gibt beispielsweise C2C Labels, bei denen 100% recycelte Produkte hergestellt werden – quasi 100 % erneuerbar. Wichtig ist, dass wir alle zusammen an dieser großen Veränderung mitwirken, denn es geht um die Umgestaltung unseres Systems. Wir brauchen alternative Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen – ein langfristiges Modell für zukünftige Generationen. Das ist vor allem eine Möglichkeit für Start-ups durch innovatives Produktdesign Abfälle zu vermeiden. Bis jetzt gibt es ca. 2000 Produkte, die mit dem C2C Label gekennzeichnet sind. Vorbeischauen solltet ihr auf jeden Fall bei dem Onlineshop www.cradlelution.de – dort könnt ihr nachhaltige C2C zertifizierte Produkte kaufen. Ein Vorbild nehmen sollten wir uns auch an Belgien: Mit dem landesweiten Geschäft Kringwinkel (auf Deutsch: „Kreisladen“) werden in mehr als 130 Filialen sehr erfolgreich gebrauchte Güter verkauft – mit hippem Image.

Doch es gibt auch Wege die Nutzungsdauer von Produkten zu verbessern. Speziell auf meinem Bummelnachmittag in der Stadt bezogen: Wie wäre es als Alternative mit Secondhand Läden, der Kleidersammlung oder einfach mal eine coole Klamottentauschparty zu organisieren, um die Langlebigkeit von unserer Kleidung zu verbessern. Doch das Prinzip ist auf alle Bereiche des Lebens übertragbar. Heutzutage gibt es Bauteilbörsen, Repair Cafés oder sog. FabLabs, in denen Alltagsgegenstände in offenen Werkstätten gemeinschaftlich repariert werden können. Ein paar Webseiten, auf denen ihr die nächste Veranstaltung in eurer Nähe finden könnt: www.reparatur-initiativen.de, http://www.recyclingboerse.org oder http://www.runder-tisch-reparatur.de.

Unternehmen sollten gleichzeitig besser darin werden, Produkte für einen langfristigen und wiederverwendbaren Nutzen zu designen. Es gibt auch heute schon mehrere Initiativen, die das Prinzip einer zirkulären Ökonomie unterstützen und aktiv fördern. Für alle Berliner lohnt es sich, mal im CRCLR House vorbeizuschauen. Dort werden Workshops und Events angeboten, die sich mit dem Thema befassen, Diskussionsrunden anleiten oder verschiedene Start-ups mit C2C Produkten vorstellen. Mehr Informationen findet ihr unter https://crclr.org/.

Wir sollten uns also an der Natur ein Vorbild nehmen und durch ein paar kleine Änderungen auch unsere Wirtschaft zukünftig in einem Kreislauf fließen lassen – damit in Zukunft 100% erneuerbar nicht nur als Ziel der Energiewende, sondern für alle Ressourcen gilt.

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