Verändere ich etwas, wenn ich demonstrieren gehe?

Ich war bisher noch nie auf einer Demo. Natürlich bin ich gegen die Atomkraft und auch für einen schnellen Ausstieg aus der Kohle und sowieso pro Nachhaltigkeit und Energiewende. Aber wenn Demonstrationen für diese Themen anstanden, bin ich bisher Zuhause geblieben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Proteste wirklich etwas bewegen. Im letzten Jahr, als die Demonstrationen im Hambacher Forst immer lauter wurden und es das Gesprächsthema in der Politik und den sozialen Medien war, wurde ich langsam unsicher. Heimlich bewunderte ich die Menschen, die sich die Zeit nahmen, jedes Wochenende anzureisen, um gegen die Abholzung des Hambacher Forsts zu protestieren. Immerhin war auch ich dagegen, aber irgendwie sprach ich es nicht so laut aus. Diese Menschen taten es. 

Was hat meine Meinung ins Schwanken gebracht?

Ich habe mich noch mit Freunden darüber unterhalten und gesagt, wie toll ich es finde, dass so viele Menschen dort demonstrieren. Es verging kaum ein Tag, in dem es nicht Thema in den Nachrichten war. Dennoch sagte ich auch, dass ich nicht glaube, dass die Demonstrationen die Rodung des Gebietes verhindern können. Wenige Tage nachdem ich dies gesagt habe, kam es zum vorläufigen Rodungsstopp durch das Oberverwaltungsgericht in Münster. In einem Eilverfahren wurde dem Antrag vom Umweltverband BUND vorläufig stattgegeben. Die endgültige Entscheidung darüber wird das Verwaltungsgericht in Köln treffen, vermutlich erst Ende 2020. Bis dahin bleibt der Hambacher Forst erstmal bestehen.

Mit dieser Entwicklung musste ich mir (zum Glück) eingestehen, dass ich falsch lag. Nur wenige Tage nachdem ich selber sagte, dass ich nicht an einem Erfolg der Demonstrationen glaube, ist genau das Gegenteil eingetreten. Natürlich haben nicht die Demonstrationen selber dafür gesorgt, sondern der Beschluss des Verwaltungsgerichts dem Antrag vom BUND stattzugeben.  Aber ich bin mir sicher, dass die Entscheidung anders ausgefallen wäre, wenn das Thema in der Gesellschaft nicht in diesem Maße präsent gewesen wäre.

Mein Neujahrsvorsatz: Mich stärker für meine Meinung einsetzen!

Diese Erfahrung zeigte mir, wie wirkungsvoll Demonstrationen sein können. Es ist dadurch mein Neujahrsvorsatz entstanden, mich 2019 mehr für meine Meinung einzusetzen und aktiv dafür zu kämpfen. Ich habe das Gefühl, dass es früher viel alltäglicher war. Wenn ich die Generation meiner Eltern frage, war dort früher fast jeder regelmäßig auf einer Demo. In meiner Generation kenne ich nur sehr wenige, welche häufiger demonstrieren sind. Natürlich muss das jeder für sich selber entscheiden. Es gibt auch Formen des Protests, welche ich persönlich nicht unterstütze. Aber ich glaube daran, dass ein friedvoller Protest viel bewegen kann. Zumindest möchte ich es gerne ausprobieren und meine Erfahrungen damit machen.

Was für Erfolge gab es bereits durch Demonstrationen? Oder was sagt die Forschung zu der Wirkung von solchen Protesten?

Natürlich musste ich für mich noch etwas weiter recherchieren: Tatsächlich ging laut einer Befragung aus dem Jahr 2017 jeder 10te Deutsche in den letzten 5 Jahren demonstrieren. Laut des Protestforschers Haunss in einem Artikel von Bento sei dies für Deutschland gar nicht so schlecht. Der Erfolg von Demonstrationen ist auf lange Sicht meistens sichtbar. Allerdings sind die Ursachen für eine Veränderung meistens vielfältiger und nicht nur auf die Demonstrationen zurückzuführen. Vor allem bei regionalen Demos ist der Erfolg schneller erkennbar (z.B. Hambacher Forst), als wenn es um sehr allgemeine politische Themen geht.  Laut einer Studie des Harward-Ökonomen Stan Veuge zum Einfluss von Demonstrationen auf die Politik, beeinflussen sie in der Regel dann die Entscheidungen von Politikern, wenn genügend Menschen auf die Straße gehen (lies hier die Zusammenfassung der Studie vom Handelsblatt). Passend dazu ist das Zitat von Tatjana Heid in einem Artikel der FAZ: „Eine Stimme hört man nicht. Hundert Stimmen überhört man. Hunderttausend kann man nicht überhören. Sie haben Macht.“

Rückblickend werden viele politische Änderungen und Grundsatzentscheidungen auf die Auswirkungen der Demonstrationen auf den Straßen zurückgeführt. Dazu gehört zum Beispiel die Frauenbewegung nach 1945, welche für eine Gleichberechtigung und Gleichstellung protestierten, die Anti-Atomkraft-Bewegung ab den 70iger Jahren oder die friedlichen Montagsdemonstrationen 1989, welche gegen die politischen Verhältnisse in der DDR protestierten und mitverantwortlich für den Fall der Mauer gemacht werden (weitere Protestaktionen werden hier bei Bento aufgezählt).

Mich hat das soweit überzeugt, dass ich dieses Jahr gerne selber die Erfahrung machen möchte und mich für meine Werte und Meinung stärker einsetzen möchte. Angefangen habe ich beim Streik fürs Klima.

Meine Erfahrung beim Streik fürs Klima #Fridaysforfuture

Die Möglichkeit, mich für meine Meinung aktiver einzusetzen, bot sich schnell. Am 18. Januar gab es deutschlandweit Schüler- (und Studenten-) Streiks für das Klima. Unter dem Motto „Fridays for future“, nach dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg, gingen bundesweit mehr als 30.000 SchülerInnen und StudentInnen auf die Straße. Das Ziel der mittlerweile weltweiten Bewegung ist ein stärkerer Klimaschutz und ein schneller Kohleausstieg. Dafür schwänzen SchülerInnen die Schule. Denn der Klimawandel wartet nicht auf den Schulabschluss, wie Vertreter der Organisation Fridays for Future in Bonn erklären.

Ich war in Bonn mit dabei. Ohne große Erwartungen war ich pünktlich um 09.30 Uhr am Münsterplatz. Ich habe nicht damit gerechnet, dass viele Menschen kommen würden. Am Ende waren laut verschiedener Quellen zwischen 500 – 2.000 Menschen in Bonn dabei. Es gab zunächst einleitende Worte der Organisatoren. Danach konnte jeder an das „offene Mikrofon“ und seine Meinung äußern. Später ging es gemeinsam im Fußmarsch zum Platz der Vereinten Nationen.

Den Großteil der TeilnehmerInnen bildeten die Schüler und Schülerinnen. Vereinzelt waren auch StudentInnen oder Eltern da. Am Anfang war die Stimmung noch etwas unsicher. Ich hatte das Gefühl, dass die SchülerInnen nicht immer wussten, ob etwas Bestimmtes von ihnen erwartet wird. Gleichzeitig war eine gewisse Neugierde und Abenteuerlust dabei. Für viele SchülerInnen wird es das erste Mal gewesen sein, dass sie die Schule schwänzten. Im Hintergrund lief dabei ein Lied von Madsen, welcher in seinem Text dazu animiert, auszusprechen was man denkt und zeigt, das Schweigen keine Veränderungen bringt. Es unterstreicht den Slogan der Veranstaltung „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“.

Was wollen die SchülerInnen und StudentInnen?

Franzi, 19 Jahre alt und Studentin der Politikwissenschaften, ist eine der ersten am Mikrofon. Sie hinterfragt u.a. das Angebot der Fluggesellschaften, Flüge von Düsseldorf nach Frankfurt anzubieten. Ich habe selber nachgeforscht: Es ist eine Strecke, welche mit der Bahn in nur 1,5 Stunden zurückgelegt wird. Der Flug ist bei reiner Betrachtung der Flugzeit 35 Minuten schneller (ohne Einberechnung der Extrazeit am Check-In, bei den Sicherheitskontrollen oder beim Boarding). Der CO2-Verbrauch ist beim Flug um das ca. 16-fache höher! Franzi hat Recht, wenn sie sagt, dass der Flug wahrscheinlich niemandem fehlen würde, oder wenn, dann nur weil es ihn vorher überhaupt gab. Sie verurteilt es, dass der Regenwald für Nutella und Tiefkühlpizzen abgeholzt wird, und wir nicht handeln. Die Zukunft sind die Kinder und jungen Erwachsenen von heute. Sie haben ein Recht auf ein Leben, das nicht bereits zuvor auf deren Kosten gelebt worden ist. „Wir haben ein Recht auf Klimagerechtigkeit, und Politik soll daher genau hier und heute beginnen“, beendet Franzi ihre Rede.

Auch Stefan, 19 Jahre und Schüler in der 13. Klasse der integrierten Gesamtschule in Bonn, geht ans Mikrofon. Für ihn ist es heute das erste Mal, dass er öffentlich eine Rede hält, verrät er mir im Anschluss. Seine Botschaft: Eine sanfte Form der Kapitalismuskritik. Er möchte anstoßen, unser System kritisch zu hinterfragen. Das Wirtschaftssystem belohne die Umweltzerstörung, anstatt sie zu bestrafen. Hier müsse die Politik eingreifen. Und wenn sie das nicht tue, dann müssen sie selber ihre Zukunft in die Hand nehmen, so Stefan. Auch außerhalb der Schule versucht Stefan so weit wie möglich nachhaltig zu leben. Nebenbei engagiert er sich in der Linksjugend Solid (eine Jugendorganisation der Linken Partei) und ist in der Schülervertretung aktiv. Gemeinsam mit der Schülervertretung hat er versucht SchülerInnen für den Streik zu mobilisieren. Von der Schulleitung wurde dies erlaubt und unterstützt.

Die Schlussrunde am offenen Mikrofon machte Esther mit einer etwas anderen Rede. In Form eines Poetry-Slams erzählt Esther, wie sie die Welt verbessern will. Am Ende ihrer Rede motiviert sie die SchülerInnen etwas zu verändern, denn wir können es noch schaffen:

Ich meine, ja, es gibt viele Menschen, da habt ihr ja Recht,

aber wir sind doch auch welche, wir sind doch auch echt,

und wir können was verändern,

dazu haben wir das Recht und das am besten genau jetzt,

denn jetzt ist die Zeit für Veränderung,

unser erster Schritt ins eigene Leben.

Wir bestimmen, wonach wir streben.

Wir bestimmen, wer wir sein wollen, nicht wer wir sein sollen.

Und ihr?

Denn jetzt ist die Zeit dafür gekommen und wir können das noch schaffen.

Wenn sich alle nur ein bisschen mehr Gedanken darüber machen,

wenn sich alle ein bisschen verantwortlicher fühlen,

und wir alle einmal aufhören die Augen zu verschließen.

Und wir, wir sind Weltveränderer,

das ist unser Ziel.

Und wir werden was verändern, denn das ist unsere Pflicht.

Wir sind das Heute und das Morgen und zuschauen gibt es einfach nicht,

denn wer nicht handelt, der verwandelt unsere Erde in Schande.

Wer nicht handelt mit Vernunft, der zerstört unsere Zukunft.

Die SchülerInnen waren beeindruckt. Ich war beeindruckt. Es lag der Wunsch nach Veränderung in der Luft. Den SchülerInnen wurde bewusster, dass es hier wirklich um ihre Zukunft geht und dass sie sich dafür einsetzten können. Es war keine bloße Kritik an der Politik dabei. Es war vielmehr der Anstoß, dass auch die jungen Leute etwas verändern können und dass sie das sollten. Denn sie haben Recht, wenn sie sagen, dass es vor allem um ihre Zukunft geht.  

Was sind nun meine Erfahrungen mit meiner ersten Demonstration?

Ich war positiv überrascht. Es waren zum einen mehr Menschen dort, als ich erwartet habe. Und zum anderen war ich sehr beeindruckt von der Reife und dem Mut der SchülerInnen. Wenn diese Entwicklung so weiter voranschreitet, werden sie auch in Zukunft weiter auf ihre Rechte aufmerksam machen und dafür kämpfen. Gemeinsam hatte man das Gefühl stark zu sein und das alles noch möglich ist, wenn man gemeinsam anpackt und anfängt etwas zu verändern. Die verschiedenen Vertreter der Nachrichtensender, welche vor Ort waren, gaben einem zudem das Gefühl, dass auch die jungen Leute ernst genommen werden.

Wird der Schulstreik etwas verändern?

Ich glaube, ein einzelner Streik hätte weniger verändert. Aber durch die bundesweiten Streiks in über 50 Städten sowie in einigen Nachbarländern sorgte dies für eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Die meisten großen Nachrichtensender, sowie lokale Reporter berichteten von den Schulstreiks. Es kam auch Kritik an der Form des Streiks auf. Das Schwänzen der Schule wurde vielfach kritisiert und mit Konsequenzen angedroht.

Betrachtet man, wie diese Bewegung überhaupt entstanden ist, lässt sich für mich schnell beantworten, dass dieser Schulstreik etwas verändert. Initiatorin ist die 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden. Seit August bleibt sie jeden Freitag von der Schule fern, um vor dem Regierungsgebäude in Stockholm für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Daraus entwickelte sich eine ganze Bewegung, sodass nach Schweden weitere Schüler in verschiedenen Ländern die Schule schwänzten und für eine bessere Klimapolitik und Zukunft protestieren.

Schweden hat nun am Montag verkündet, den Verkauf von Benzin- und Dieselautos ab 2030 zu verbieten. Damit bleibt Schweden weiter ein Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Meiner Meinung nach, ist die Aufmerksamkeit durch Greta Thunberg und der dadurch weltweite Blick auf Schweden mitverantwortlich für die jetzige Festsetzung eines Ausstiegsdatums von Verbrennungsmotoren.

Wenn eine Person es alleine schafft, so eine große Bewegung in die Welt zu rufen, dann können wir alle zusammen wirklich die Welt verändern. Für mich ist Greta Thunberg ein Vorbild geworden und hat mir gezeigt, was eine einzelne Person doch alles erreichen kann, wenn man sich für seine Rechte, Meinungen und Werte einsetzt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.