Totgesagte leben länger: Das Comeback der Atomkraft und warum es so gefährlich ist

Es klingt wie der Plottwist eines Hollywood-Films: Am Anfang von allen gefeiert, die Zukunftsaussichten waren rosig. Doch plötzlich der erste Knick in der steilen Kurve nach oben. Es geht bergab, man kann sich noch gerade so halten, bis schließlich der Gnadenstoß verpasst wird und der tiefe Fall erfolgt. Aber oh! Wider aller Erwartungen das Comeback: Wie Phönix aus der Asche. Der Phönix in diesem Fall: Die Atomkraft. In den 1950er Jahren als das Wunderheilmittel für alle Energiesorgen angepriesen. Eine potente Form der Stromerzeugung mit gefühlt unendlichem Potential. Die atomaren Drohgebärden des Kalten Krieges drehten allerdings langsam die Stimmung. Der Super-GAU von Tschernobyl leitete schließlich den schleichenden Untergang ein. Zu risikoreich, zu gefährlich, unkontrollierbar, unverantwortlich, zu teuer. Als sich dann noch die große und bis heute schwer kontrollierbare Katastrophe von Fukushima ereignete, hätte man meinen können: Das war es, das ist das endgültige Ende. Doch wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger.

Das Comeback

Als jüngstes Beispiel reiht sich Polen in eine Reihe von Ländern, insbesondere in Osteuropa, ein, die neue Atomprogramme starten. Dies wäre an sich kein großer Grund zur Sorge, da in der Vergangenheit viele Projekte immer wieder an der Wirtschaftlichkeit scheiterten und sich als Milliardengrab erwiesen (s. Hinkley Point C in Großbritannien). Aber viel gefährlicher ist eine andere Beobachtung: In der Umweltbewegung, zu großen Teilen aus der Anti-Atom-Bewegung entstanden, finden sich mehr und mehr Befürworter*innen der Atomkraft. Dies weiß ich einerseits aus persönlichen Gesprächen, andererseits erkennt man in sozialen Medien wie die Mär der sauberen Atomenergie in den Diskurs eingebracht wird. Bekannte Klimawissenschaftler wie u.a. James E. Hansen sprechen sich für sie aus. Selbst der Weltklimarat IPCC ermunterte zum weiteren Ausbau (änderte aber kürzlich seine Position) sowie bei Weltklimakonferenzen, wo offizielle UN-Veranstaltungen mit Namen wie “Nuclear Innovation: Clean Energy Future” abgehalten werden. Doch wie kam es zu diesem Comeback?

Der Tenor der neuen Atombefürworter*innen: Ja, die Atomkraft birgt Risiken. Jedoch gibt es bei jeder Energieerzeugungsform Nachteile. Angesichts der sich zuspitzenden Klimakrise überwiege jedoch der Vorteil der Atomkraft, dass sie quasi keine CO2-Emissionen aufweise. Sie sei immer noch die bessere, wenn auch nicht perfekte Alternative zu Kohle und Gas. Eine effiziente und potente Energieform unabhängig von Wind und Wetter. Dazu auch angeblich sauber, da keine dunkel rauchende Schlote mit Gefahren für die menschliche Gesundheit. Also DIE perfekte Energieform für den Kampf gegen den Klimawandel. Ein verlockender Gedanke, und genau deshalb unglaublich gefährlich.

Von wegen sauber

Zunächst einmal gilt es nochmals zu betonen, welche Risiken mit Atomkraftwerken verbunden sind. Ausgebrochene radioaktive Strahlung erhöht das Risiko für Krebsarten wie Leukämie, Lymphome und Schilddrüsenkrebs. Herz-, Hirninfarkte, Schilddrüsenerkrankungen und Erbgutschaden nehmen zu. Selbst niedrige Strahlungswerte haben Einfluss auf das menschliche Erbgut. Das Teuflische daran: Diese Strahlung verschwindet nicht nach kurzer Dauer, sie bleibt ewig. Beispielsweise sind bei der atomaren Katastrophe in Fukushima 2011 Radionuklide Strontium-90 und Cäsium-137 ausgetreten. Diese haben Halbwertszeiten von 28 bzw. 30 Jahren haben, d.h. dass sich die Menge erst nach dieser Zeit halbiert. Somit ist das Gebiet in 50 Kilometer Umkreis um die Reaktoren von Fukushima auf Jahrzehnte unbewohnbar. Atomkraftbefürworter weisen sehr gerne darauf hin, dass die Kombination von Erdbeben und Tsunami (so wie es in Fukushima passierte) besondere Begleitumstände darstellen, es also unfair wäre, Fukushima als typisches Beispiel für die Gefahren heranzuziehen. Jedoch existieren auch andere Bedrohungen als Naturkatastrophen wie zum Beispiel Terroranschläge oder auch neuerdings Cyberangriffe. Zudem gibt es zig marode und alte Kraftwerke weltweit. Das prominenteste Beispiel derzeit ist Tihange in Belgien, das nachweislich Risse und Störfälle aufwies. Das gesamte Ausmaß für das ganze Dreiländereck Niederlande, Belgien und Deutschland lässt sich kaum kalkulieren, sollte Schlimmeres passieren. Diese Sicherheitsrisiken alleine sollten die Atomkraft aus ethischen Gründen zu einem No-Go machen. Das gleiche gilt für die radioaktiv verseuchten Abfallprodukte, die noch in 100.000 Jahren strahlen werden. Eine Zeit, die aus der Perspektive des Menschen unvorstellbar ist. Und aus diesem Grund gestaltet sich die Suche nach einem Atommüll-Endlager auch so schwierig. Mit dem Bau des weltweit ersten Endlagers in Finnland wurde gerade erst begonnen. Niemand weiß, wie die Welt in so vielen Zehntausenden von Jahren aussehen wird. Wie finde ich heraus, dass die Art der Lagerung auch dann noch sicher sein wird? Ist es überhaupt zu verantworten, dass wir unseren Nachfahren ein derart unberechenbar gefährliches Erbe hinterlassen? Doch wer mit ethischen Argumenten eh nicht zu überzeugen ist, soll sich mal die Kosten anschauen.

Es rechnet sich nicht

Eine Studie in den USA rechnete jüngst aus, dass die Kosten pro Megawattstunde für ein neues Atomkraftwerk in den USA bei 112$ liegen. 41$ für Solarenergie und 29$ für Windenergie sind dagegen vergleichsweise richtige Schnäppchen. Im Gegensatz zu Erneuerbaren Energien heutzutage ist die Atomkraft nur noch mit immensen staatlichen Subventionen tragbar. Das letzte große Atomprojekt Hinkley Point C in Großbritannien sollte ein abschreckendes Beispiel sein: Es wird voraussichtlich 20,3 Milliarden Pfund kosten und erhält mit 119€ pro Megawattstunde einen garantierten staatlichen Abnahmepreis. Hinzu kommen auch zukünftige schwer kalkulierbare oft versteckte Kosten wie die Müllentsorgung und den Rückbau der AKW nach einem bestimmten erreichten Alter. Bei dem AKW Greifswald sind die Rückbaukosten zum Beispiel höher geworden als erwartet – Tendenz steigend.

Bei einer Sache lässt sich zustimmen: Atomkraft ist emissionsärmer als fossile Energieerzeugung. Es existieren Unmengen an unterschiedlichen Zahlen, aber bspw. das Öko-Institut beziffert Atomstrom mit 65 und ein Braunkohle-Kraftwerk mit 1153 Gramm pro Kilowattstunde CO2-Äquivalente, was schon einen sehr großen Unterschied macht.

Selbstverständlich schneiden hier die Erneuerbaren genauso gut oder noch besser ab. Da würden auch die meisten Atomfans zustimmen. Jedoch nicht ohne ein großes ABER hinzuzufügen. Erneuerbare seien vielleicht die sauberste Energieform, könnten aber angeblich aufgrund ihrer Unbeständigkeit die weltweite Energiesicherheit und den Bedarf nicht sicherstellen, so ihre Botschaft. Wer mit dieser Argumentation agiert, hat sich noch nicht mit dem vollen Potential von Erneuerbaren Energien auseinandergesetzt. Das Institut Brainpool beispielsweise fand anlässlich der neuen Atomeuphorie in Osteuropa eine gelungene Antwort. Ein regelbares kombiniertes Erneuerbaren-Kraftwerk aus Solar- und Windenergie mit Wasserstoff als Speichermedium kann kostengünstiger, flexibler und sicher die Strommenge erzeugen, den die geplanten AKWs erzeugen sollen. Ein Beispiel, das zeigt, dass vorhandene Möglichkeiten noch nicht vollstens ausgeschöpft werden, da es doch oft an Mut und Willen fehlt. Besonders an letzterem mangelt es den großen Energiekonzernen. Die Atomkraft ist vielleicht ihr letzter Strohhalm um ihre Marktmacht aufrechtzuerhalten. Mit den neuen Energierzeugungsformen dezentralisiert sich nämlich die Energieerzeugung.

Dezentrale Energiewende ist die Lösung

Dies bedeutet, dass Energie nicht mehr wie vorher an wenigen Orten produziert wird, sondern überall, den lokalen Umständen, Potenzialen und Bedürfnissen entsprechend. Dies ist den fossilen und nuklearen Energieversorgungsunternehmen natürlich ein Dorn im Auge, da ihr Monopol dadurch mehr und mehr bröckelt. Die weltweite starke Imagekampagne für die angeblich saubere Atomkraft ist quasi ihr letztes Aufbäumen, um nach dem nahenden Ende fossiler Energieträger unter dem Deckmantel des Klimaschutzes noch etwas vom Kuchen behalten zu können. Mit Erfolg, wie man sieht. Daher sollte man sich im Energiewende-Diskurs nicht austricksen lassen. In Anbetracht der Situation und der großen Chancen, die sich bieten, sollte die Idee der dezentralen Energiewende eigentlich eher den Diskurs dominieren. Dezentrale Energiewende bedeutet die Demokratisierung der Energieerzeugung, da sie von Bürger*innen angetrieben ist und jede*r von ihr profitieren kann. Atomkraft dagegen kann nur von wenigen Konzernen auf der Welt realisiert werden. Es geht darum, nicht mehr nur Kunde, sondern auch Erzeuger*in und den Monopolen nicht mehr ausgeliefert zu sein. Es geht darum, wirklich saubere Energie zu produzieren ohne versteckte Risiken und Kosten. Es geht um die Transformation unserer Energiesysteme im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung für jeden Einzelnen. Nur so schützen wir die Lebensgrundlagen der zukünftigen Generationen. Das tun wir nicht mit dem gefährlichen Erbe Atomkraft, von der nur wenige profitieren.

Ein Happy End der Atomkraft gilt es um jeden Preis aufzuhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.